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Montag, 22. Oktober 2012

Typisch.


Luise ließ die schweren Einkaufstaschen auf die Theke fallen, ihr Gesicht war rot vor Anstrengung. Es war ein gutes Gefühl für sie, nach einem so stressigen Tag wieder nach Hause zu kommen.
Aus der Wohnstube konnte die junge Frau den Fernseher hören. Er war laut aufgedreht und es lief irgendeine Sendung über Fußball. Typisch.
Luise streifte den langen, seidenen Mantel ab. Sie hatte ihn sich heute gekauft. Man gönnt sich ja sonst nichts! Als sie von der Diele aus in die Küche zurücklief, konnte sie Mike auf dem Sofa sitzen sehen. Ohne sich zu regen saß er da und starrte auf den Fernseher. Luise kicherte. Er saß wieder den ganzen Tag auf der Couch herum! Typisch.
Die junge Frau packte ihre Einkäufe aus und räumte alles in den Kühlschrank hinein. Nur das Käsebrötchen ließ sie draußen. Den ganzen Tag hatte Luise noch nichts gegessen! Der Stress, den sie seit den letzten Tagen im Büro hatte, war schon fast erdrückend.
Während Luise ihr Brötchen aß, dachte sie über Mike nach und den bösen Streit, den sie am Vorabend gehabt hatten. Es hatte sich schon wieder um diese Frau aus dem Büro gedreht. Karla. Luises Augenbrauen zogen sich zusammen. Ständig hatte er irgendwelche „Geschäftsessen“ mit ihr gehabt. Mike hatte seine Kollegin in den letzten Wochen öfter gesehen, als Luise. Und deswegen hatte diese ihn gestern zur Rede gestellt. Natürlich wurde eine Affäre mit Karla abgestritten! Typisch!
Luise lächelte und wischte die Brötchenkrümel vom Tisch. Na, wenigstens hatte sich dieser Streitpunkt jetzt erledigt! Es war alles wieder gut. Sie konnte ihrem Mike nun einmal nicht lange böse sein. Das hatte sie noch nie gekonnt.
Die junge Frau stand vom Tisch auf und trat ins Wohnzimmer. Im Fernsehen lief gerade diese sehnsuchtsweckende Werbung über die Türkei. Luise seufzte. Sie sollte in den Urlaub fahren! Sich von dem ganzen Stress befreien und einfach nur entspannen! Das würde ihr sicher gut tun…
„Übrigens, ich habe vorhin Karla in der Stadt getroffen!“ sagte Luise, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. „Sie hat gefragt, warum du heute nicht auf Arbeit warst. Ich hab ihr gesagt, wie krank du bist!“
Nun drehte Luise sich zu Mike um und streichelte ihm sanft durchs Haar.
Mike antwortete nicht. Noch immer saß er starr auf dem Sofa, die Augen stur geradeaus gerichtet.
„Ich werde noch einmal zu Mutter gehen!“ Luise wand sich von ihrem Freund ab. „Sie hat vorhin angerufen. Braucht jemanden, der mit dem Hund rausgeht. Du weißt ja, die Gicht in ihren Beinen. Keinen Schritt kann sie mehr schmerzlos gehen!“
Noch einmal drehte die junge Frau um, lächelte und hauchte ein „Ich liebe dich!“ in die Wohnstube, bevor sie wieder in die Diele trat.
Mike antwortete nicht. Das Fußballspiel, das nun im Fernsehen begann, spiegelte sich in seinen blauen, ausdruckslosen Augen. Luise hatte gar nicht gemerkt, wie dreckig sein Hemd schon wieder war! Oder wollte sie sich nur nicht darüber aufregen? Lauter hässliche, rote Flecken zeichneten sich darauf ab. Und ein großer Fleck, rund um das Küchenmesser in seiner Brust. Das Hemd würde Luise sicher nicht mehr sauber bekommen. Typisch.

Interessant, was? Eine kleine Kurzgeschichte mit Wandel zur grotesken Erzählung, die ich vor etwa drei Jahren für einen Wettbewerb geschrieben habe. Öfter sowas? Lasst es mich wissen ;)



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